An excerpt from DER SCHARLACHROTE KLANG


Der Scharlachrote Klang . Knaur. 1998.

"Die amerikanische Publizistin Joan Ohanneson beschreibt auch die Visionen der mittelalterlichen Mystikerin, aber ganz ohne Kitsch und Ruhrseligkeit. Ihre Biographie ist naturlich eine Hommage an einer auBergewohnliche Frau, denn das war Hildegard, aber in erster Linie ist es ein spannend zu lesendes Buch, ein guter Roman."

"Da die Autorin viel Zeitgeschichte mitliefert, wird Hildegards Leistung aus den Konflikten und Bedurfnissen ihrer Zeit heraus verstandlich. Entstanden ist somit kein Zwitter, teils Sachbuch, teils Roman, sondern ein lebendiger Roman, der dem Leser historische Einsichten und Kenntnisse vermittelt." - Jurgen Israel

"In einem einfuhlsamen Roman zeichnet die Autorin den Lebensweg dieser groBen Frau nach, mit groBem Gespur fur die Gefuhlswelt einer Visionarin und Mystikerin, und arbeitete authentisches Material aus Werken Hildegards ein. Ein Buch, das nicht nur eine historische Epoche erschlieBt, sondern auch in die Tiefen einer glaubigen Seele dringt."

Das Droehnen der Glocken bei Sonnenaufgang, das die steinernen Mauern des Hospizes zu sprengen schien, riss die Edelleute von Bermersheim aus dem Schlaf. Ihr Blick eilte zu Hildegard, die, die kleinen Arme von sich gestreckt, noch schlummerte. Der Graf beugte sich ueber sie, beruehrte ihr Kinn und fuehlte, wie ihr suesser kindlicher Atem siene Finger streifte. Nur noch wenige Stunden.

Die drei zogen sich rasch an und wuschen sich die Gesichter mit Wasser aus dem Eimer, den man vor ihre Tuer gestellt hatte. Mechthild war wie betaeubt, als sie Hildegards Haar zum letzten Mal kaemmte und es mit Clementias blauer Schleife zusammenband.

Sie verliessen das Gaestehaus und eilten zur Abteikirche. Der Prior wirkte erleichtert. „Die Brueder erwarten Euch", sagte er aufgeregt.

Hildegard spuerte den Schwiess in der Hand ihres Vaters, als sie ueger die Schwelle stolperte. Das Innere der Kirche war riesig und dunkel wie ein Wald, ausser dass in diesem Wald alles aus Stein war. Gewaltige steinerne Baeume ragten zu beiden Seiten empor: dicke, mit seltsamen Fruechten und Blumen beladene Ranken umschlangen ihre Staemme. Grinsende Tiere mit scharfen, spitzen Zaehnen starrten sie von den Aesten herab an. Die schwungvollen Boegen schienen wie Arme, die sich an der Decke zueinander ausstreckten. Weit vorne strahlte der Altar so hell in der Dunkelheit, dass sie sich fragte, ob er vielleicht brannte. Sie klammerte sich fester an die Hand ihres Vaters.

Nun erhob sich um sie herum Gesang. Dieser nie gekannte Klang huellte sie ein und liess sie ueber dem Boden an den Reihen der Moenche vorbeischweben, die vor dem Chorgestuehl auf den gegenueberliegenden Seiten vor dem Altar standen. Zuerst sang die eine Seite, dann antwortete die andere - als haetten sie sich zu einem anmutigen Tanz zusammengefunden. Der Gesang war von solcher Schoenheit und Macht, dass sie zu schweben glaubte. Sie empfand hoechstes Entzuecken. Die Stimmen erhoben sich hoeher und hoeher, wurden immer herrlicher…

Der Druck der Hand ihres Vaters riss sie aus ihrer Verzueckung. Sie spuerte ihre Mutter neben sich erschauern.

Als sich die drei dem Altar naeherten, vermochte Mechthild kaum zu atmen. Ihr Herz sank beim Anblick der Begraebnisfackeln, die die Stufen zum Altar saeumten, waehrend sich die Gesaenge wie ein Leichentuch um Hildegard zu legen schienen. Einen Augenblick sehnte sich Mechthild danach, ihr Kind an sich zu reissen und zu fliehen.

Zwei Moenche traten vor, um Hildegard zum Altar zu geleiten, einer schritt neben ihr, waehrend der andere vorausging, um ihren Weg mit Weihrauch zu reinigen. Von einer Woge der Erleichterung getragen, sah das Kind, dass Frau Jutta ihr vom Altar entgegenlaechelte, wo sie beide ihr Versprechen, Gott als Meisterin und Schuelerin zu dienen, geben wuerden.

Die Geluebde der frommen Pflichten wurden abgelegt. Ploetzlich fuehtle das Kind sich schwiindlig, ueberwaeltigt vom Weihrauch, der wie eine sich windende Schlange vor ihren Augen aus dem goldenen Brenner aufstieg.

Mit jeder Kerze, die geloescht wurde, versank die Kapelle in groessere Dunkelheit. Hildegard tastete nach Frau Juttas Hand. Ein knisterndes Geraeusch durchbrach auf einmal die Stille, als die erste Totenfackel entzuendet wurde. Als alle brannten und die Flammen an den trockenen Binsen leckten, erfuellte ein unheimliches Zischen die Kapelle. Das getragene Gelaeut der Glocken ueber ihren Koepfen klang wie Klagerufe, die den symbolischen Uebertritt vom Leben in den Tod betrauerten, als die Klausnerin und das Kind die aeussere Welt gegen ein neues Leben in der Abgeschiedenheit der Einsiedelei vertauschten.
Zwei Moenche erscheinen nun an ihrer Seite, die sie aufforderten, niederzuknien und sich dann baeuchlings mit ausgestreckten Armen vor den Altar zu legen, so dass ihre Koerper ein Kreuz formten. Dann wurde ploetzlich ueber jede eine schwarze Decke geworfen.
Die singenden Stimmen der Moenche um sie herum schwollen an wie eine sich auftuermende Woge.

„Placebo et dirige." Die Totenmesse hatte begonnen.

„Zieh hin, christliche Seele, aus dieser Welt, im Namen Gottes des allmaechtigen Vaters, der dich geschaffen hat."

Aus dieser Welt … In der Erinnerung an Hildegards Geburt biss sich Mechthild die Knoechel blutig. Ihr zehntes Kind wuerde nun aus der Welt verschwinden. Rauhe, wollene Hemden wuerden es von nun an bedecken, nie mehr rosa Damast. Ihr knospender Koerper wuerde erbluehen und verwelken, unberuehrt, kein Kind an der Brust, dessen Schrei es zu stillen galt.

„Hoert, meine Toechter, seht her und neiget euer Ohr, vergesst euer Volk und euer Vaterhaus!"

„Was haben wir getan?" hauchte Mechthild schaudernd. „Sie ist zu jung, zu unschuldig. Nie mehr wird sie unbeschwert zwischen den Goldruten und Glockenblumen in den Weinbergen herumspringen oder im Wald nach moosbedeckten Steinen suchen."

„Moegen sie, tot fuer diese Welt, in Dir leben …"

Die Kirche fiel ins Nichts, die Moenche mit den gesenkten Koepfen, die Gesichter in den Hoehlen ihrer Kapuzen verborgen, glichen Gespenstern. Die Stille schien sich ueber Aeonen auszudehnen. Dann kehrte das Leben surueck, die Wiedergeburt.

„Mitten im Tod sind wir im Leben", ertoente der Gesang.

„Ich trete ein in den Ort des wunderbaren Heiligtums", rezitierten die Stimmen, als die Decken hochgehoben wurden. Entsetzen zeichnete sich auf dem Gesicht des Kindes ab, als jemand es hochnahm und auf die Fuesse stellte. Seine Wangen waren geroetet, die weissgoldenen Loeckchen klebten an der schwiessbedeckten Stirn. Starr vor Angst heftete Hildegard ihren Blick hilfesuchend auf das Gesicht ihres Vaters. Ihre Augen bettelten, er moege mit ihr davonlaufen, fort von diesem schaurigen Ort mit dem kalten Steinboden, an dem der Rauch sie beinahe erstickt haette.

Obwohl ihm ihr Anblick fast das Herz brach, wagte der Graf nicht, sich zu ruehren. Krampfhaft das Beben siener Haende beherrschend, drueckte er ihr einen Efeukranz auf den Kopf und beachtete weder ihr zitterndes Kinn noch ihr verzweifeltes Wimmern.

Statt dessen ueberreichte er Hildegard den glaenzenden goldenen Teller mit ihrer Mitgift: die Schenkungsurkunde fuer die Weinberge.

Er stuetzte die kleinen Haende des Kindes, als sie den Teller vor sich hertrug. Sie opferte sich fuer den Saft der Trauben, den roten Wein, der in Kelche gefuellt und auf den Altaeren des Rheinlandes in Blut gewandelt wurde, zum Gedaechtnis an das Opfer Christi.

Der Abt beugte sich zu ihr hinunter und nahm das Geschenk entgegen. Obwohl die schmaechtigen Arme unter dem Gewicht der Schale zitterten, traf ihn das durchdringende Licht aus den Augen des Kindes mit grosser Gewalt.

„Fraulein Hildegard, Ihr habt Euer altes Leben hinter Euch gelassen. Nun beginnt Euer neues Leben in Abgeshiedenheit mit Eurer Meisterin."

Mit brennenden Fackeln fuehrten die Moenche sie hinauf zur Einsiedelei. Der Abt segnete den Eingang der Klause mit einem in Weihwasser getauchten, gruenen Zweig, dann jeden der winzigen Raeume, dann die Tuer zum Hof und anschliessend die Pforte, die sich nun nur noch Besuchern oeffnen wuerde.

Als der Moment des Abschieds gekommen war, kniete ihr Vater nieder und breitete die Arme aus. Als sie Hildegard umschlossen, fuehlte sie sich wieder so sicher wie zuvor. Alles wuerde gut werden, jetzt, wo sie wieder nach Hause reiten wuerden. Doch dann fuehlte sie, wie ihr Vater zu beben begann wie ein Holzscheit, das rotgluehend im Feuer auseinanderfaellt. Nachdem er sich von ihr losgerissen hatte, fuehlte sie die traenennassen Wangen ihrer Mutter, als diese ihr Gesicht in die Haende nahm und es mit Kuessen bedeckte. Schliesslich riss sich Mechthild unter verzweifeltem Schluchzen los, drehte sich um und ging mit dem Grafen und dem Abt hinaus. Sie schlossen die Tuer hinter sich und liessen Hildegard auf der anderen Seite zurueck.

Vor den Augen der Eltern gingen die Arbeiter zu Werke. Mit raschen, geschickten Bewegungen spachtelten sie die Tuer der Einsiedelei zu, bedeckten sie mit Moertel, bis jegliche Spur des Eingangs getilgt war. Die Klausur hatte begonnen.

Innen rannte Hildegard verwirrt und aenstlich umher. Die Klausnerin versuchte, die Arme des Kindes festzuhalten. Ihre Augen weiteten sich vor Mitgefuehl. Die Dienerin an ihrer Siete seufzte laut auf, und ihre Augen fuellten sich mit Traenen. Immer wieder die Namen ihrer Eltern rufend, rannte Hildegard von Zimmer zu Zimmer, in der Gewissheit, dass sie sich vor ihr versteckten. Dann schlug sie an die Tuer, waehrend die beiden Frauen nur stumm dabeistanden. Ausser sich begann Hildegard auf die Klausnerin einzutrommeln.

„Lasst mich raus!" schrie das Kind, als die Klausnerin vor ihr niederkniete. Frau Jutta umschloss die winzigen Faeuste mit ihren Haenden und versuchte sie zu kuessen, aber der kleine schluchzende Koerper brach in ihren Armen zusammen.

Unten auf dem Weg, der zum Berg hinauffuehrte, machten die Eltern halt, um einen letzten Blick auf die Einsiedelei zu werfen.

Hoch ueber ihnen reckten sich zwei kleine Arme durch das Eisengitter eines Fensters, die Haendchen flatterten wild wie die Fluegel eines veraengstigten Vogels.

„Herr!" rief eine zitternde Stimme. „Herrin! Ihr habt mich vergessen. Ihr habt vergessen, mich nach Hause mitzunehmen!"